Soziale Medien als Informationsträger: Ein Plädoyer für den Faktencheck [Only in German]

Nicht lange ist es her, dass Meta ankündigte, das plattformeigene Fact-Checking-Programm einstellen zu wollen. Erst in den USA, dann global. Das in einer Zeit, in der Falschinformationen ohnehin grassieren – ob im Web, in dubiosen Telegram-Gruppen, produziert von halluzinierenden KI’s und auf Social Media sowieso. In einer Zeit, in der Politiker öffentlich kundtun, Immigrant:innen in Springfield würden Hunde und Katzen essen und es damit ins Weiße Haus schaffen. Für sich ist eine solche Entscheidung eigentlich ein Skandal. Social Media ist schließlich nicht selten Treiber solcher Desinformation und somit obligiert, diese auch zu bekämpfen. Der Trend geht aber in eine andere Richtung und die Grenzen zwischen Fakt und Meinung werden stetig schwammiger. Vielleicht ist es höchste Zeit, sich dem Thema mal anzunehmen. Ein Plädoyer für den Faktencheck, die Wichtigkeit korrekter Information und der Beziehung zwischen Objektivität und Berichterstattung.

Fact Check ade: Metas Begründung

Eins muss vorab festgestellt werden: Die Grundlage zur Beendigung des Fact-Checking-Programms seitens Meta umfasst genau zwei Dimensionen, nämlich die offizielle sowie unausgesprochen inoffizielle, welche dennoch offenes Geheimnis bleibt. Bei letzterem sind sich Expert:innen schließlich allesamt einig: Zuckerberg versucht sich plump dem neuen alten Präsidenten Donald Trump anzubiedern – nicht nur, da das beim selbsternannten Meme-Lord und Ritter der Demokratie, Elon Musk, so wundervoll funktioniert hat, sondern auch, da Meta als Plattform hieraus schlicht und ergreifend profitiert. Fact Checking ist teuer und der aktuelle Zeitgeist erlaubt den Verzicht im Namen der Freiheit…irgendwie.

Das offizielle Statement sieht natürlich etwas anders aus und bietet dementsprechend andere Begründungen, diese fußt aber vor allem auf einem: Free Speech. Für Meta bedeutet das in der Konsequenz weniger Restriktionen (oder politische Zensur, wie Zuckerberg es bezeichnet) auf Posts zu setzen, insbesondere Postings zum Thema Immigration, Gender und Gender-Identität. Stattdessen wolle man den User:innen ihre Stimme zurückgeben; die Möglichkeit, sich frei auszudrücken mit einer weniger eingeschränkten Meinungspluralität. The good, the bad and the ugly, wie Meta es im Statement benennt. Hier lägen die Wurzeln ihrer Plattformen.

"Some people believe giving more people a voice is driving division rather than bringing us together. More people across the spectrum believe that achieving the political outcomes they think matter is more important than every person having a voice. I think that’s dangerous.”

                 -Mark Zuckerberg

Zwei Maßnahmen werden hierfür im Weiteren ebenfalls durchgesetzt: Mehr personalisierter politischer Content und Community Notes statt Fact Checking, nach dem Modell von X. User:innen haben also die Möglichkeit Postings zu annotieren und somit richtigzustellen. Klappt dort bereits richtig super, übrigens.

Die Gründe für diesen Systemwechsel sind zweierlei:

  1. Über die Jahre hat Meta, nach eigenen Angaben, komplexe Systeme zum Content-Management errichtet, die mittlerweile zu viele Fehler machen, also schafft man es lieber ab. Ein bisschen so, als würde man beim Wohnungsputz den Dreck unters Sofa kehren, statt aufzuräumen.
  2. Fact Checker:innen würden zu häufig ihre eigenen politischen Neigungen einbringen und somit unnötig zensieren. Content Notes hingegen sind selbstredend objektiv und politisch neutral. 🙃 Den Kompetenzunterschied hierbei, dass Fact Checker:innen ausgebildete Journalist:innen sind, während Content Notes von theoretisch allen bereitgestellt werden können, ist wenig beschwichtigend.

Insbesondere der zweite Punkt ist hierbei als Begründung höchstinteressant. Lasst uns da nochmal etwas tiefer buddeln.

Wie faktisch sind Fact Checks wirklich?

Gesagt sei, dass das Fact Checking nicht intern von Meta selbst verübt wurde, sondern über Outsourcing in Kooperation mit verschiedenen Unternehmen hierzu. Dass diese nun von Meta für übermäßige Zensur auf deren sozialen Medien verantwortet werden, stößt übel auf, denn mehr als das Fact Checking habe man gar nicht betrieben – was mit dem kontrollierten Content angestellt wurde, lag stets bei Meta selbst. Falsche Vorwürfe gegen Fact Checker:innen erheben und nicht damit rechnen, dass diese das korrigieren werden ist…na ja, fragwürdig.

Die Unternehmen zumindest hätten die Korrekturen lediglich eingereicht, gemäß den von Meta etablierten Maßstäben hierfür (inklusive dem Vorbehalt, Politiker:innen dürften nicht gefactcheckt werden) und da endete der eigene Verantwortungsbereich. Ganz substantiiert ist diese Aussage selbstredend ohnehin nicht, unterstellt Meta hiermit schließlich im Subtext eine einseitige politische Neigung (liberal bis links, wie das häufige Narrativ lautet) und vorausgesetzt, dem wäre so, müsse die Verantwortung weiterhin beim Giga-Tech-Konzern mit 74.000 Mitarbeiter:innen liegen, diese zu korrigieren, statt den Fehler auf die miteinbezogenen Unternehmen zu delegieren. Na gut, nun liegt die Verantwortung jedenfalls bei den Nutzer:innen – und das birgt große Probleme. Allen voran natürlich eins: Nutzer:innen sind allgemein keine Fact Checker:innen, insbesondere unreguliert – da fehlt generell die notwendige Ausbildung. Darum gibt es ja Expert:innen hierfür. Es ist natürlich nicht so, dass ein derartiges Modell nicht funktionieren kann (siehe Wikipedia beispielsweise, dazu später mehr), doch braucht es Auflagen, welche Meta scheinbar nicht stellen wird.

Meta versteht die Konsequenzen

Es ist dem Unternehmen nur, ganz plump gesagt, unwichtig. Die große Gefahr, welche sich hieraus schließlich ergibt, ist das Grassieren von Falschinformationen. Das ist keine Mutmaßung oder Schwarzmalerei: Studien belegen bereits, dass fälschliche Social Media Posting sich bis zu 20-mal schneller verbreiten. Fact Checking verhindert eben das und die Abwesenheit von diesem kultiviert somit eine Einöde der Unwahrheit; das Fundament von Web-Demagogie, wie bereits bei X zu beobachten ist. Das aber ist das Beispiel, dem Zuckerberg folgen möchte.

Nutzer:innen sind von dieser Entscheidung als erstes betroffen, wie Angie Drobnic Holan, Direktorin des Internation Fact-Checking Networks, bemerkt:

"A lot of people think Community Notes-style moderation doesn’t work at all and it’s merely window dressing so that platforms can say they’re doing something ... most people do not want to have to wade through a bunch of misinformation on social media, fact checking everything for themselves. The losers here are people who want to be able to go on social media and not be overwhelmed with false information."

Wenig hilfreich wäre des Weiteren die diesbezügliche Einführung politisch-personalisierten Contents. Laut Dr. Cody Buntain, University of Maryland, ein weiteres Omen der Radikalisierung: Personen, welche sich bereits auf extremen Spektren bewegen, werden auf den Plattformen noch mehr Zeit investieren, da mehr Content erfolgt, welcher die eigene Weltanschauung verifiziert und, bei erhöhtem Konsum, verfestigt, enragiert, in die Realität überzufließen weiß. Ergo: Politischer Content kann im Alltagsverhalten Gestalt annehmen. Ein Pyrrhussieg den Meta bereit ist anzunehmen, sofern die Interaktionsrate dabei ansteigt. Hier muss man schließlich zwischen den Plattformen unterscheiden: Zuckerberg geht diesen Schritt nicht so sehr aus radikalpolitischer Überzeugung, sondern aufgrund von Profitabilität und Anbiederung – in diesem Sinne ist er lediglich bereit die Grube zu stellen, welche künftig mit Jauche gefüllt wird. Musk hingegen – denn X war, beim besten Willen, nie, in keinem Szenario oder Paralleluniversum, in irgendeiner Form profitabel – beschloss vielmehr seine Lieblingsplattform zu kaufen (leider die prominenteste ihrer Art), sie in die eigene politische Mulde zu quetschen und den obligatorischen Free-Speech-Sticker draufzukleben. Musk hat es eingeleitet, doch muss es allgemein anerkannt werden: Wir entern eine Ära des Cyber-Anti-Intellektualismus, wo wissenschaftliche und journalistische Expertise aus reinem Bauchgefühl abgelehnt werden können, wo die Grenzen zwischen Fakt und Fiktion ineinander verschwimmen und Meinung und Empirie denselben Stellenwert erhalten dürfen.

„Ich weiß das besser!“ – Fakten, Meinungen und die politische Neigung

Tragen Akteure wie Musk und Trump oder respektive, rechtsextreme Parteien verschiedenster Nationen zu diesem publik-intellektuellen Umschwung zwar sicherlich ihren bemerkenswerten Teil bei, muss aber auch noch eins attestiert werden: ein allgemeines Misstrauen in die Wissenschaft, die Medien, den Journalismus. Insbesondere im konservativen Spektrum verkündigt, doch wäre es falsch zu sagen, dieses lediglich dort vorzufinden. Da fühlt man sich berufen, mal etwas journalistische Allgemeinbildung mitzugeben.

Man stelle sich das altbekannte Szenario vor: Der Morgen kommt, man wacht auf und schwingt sich erstmal ans Handy gen Instagram (was man ja nicht tun soll, aber man tut es dennoch), um den obligatorischen Blick zur Morgenstunde bei Tagesschau zu werfen und zu schauen, was heute so in der Welt passiert ist (was man erst recht nicht tun sollte, aber sind wir mal ehrlich). Wenig beflügelnd für den kommenden Tag ist das Scrollen in die Verdammnis mal wieder nicht, also folgt der verzweifelte Versuch den Glauben in die Menschheit zu restaurieren, indem man die Kommentarsektion öffnet, wo einem folgende Vorwürfe unterkommen: Von Wokeness sei die Tagesschau verpestet, linke Propaganda ist das, mit Objektivität hat das nichts zu tun, hier werde ein Narrativ beworben.

Dergleichen findet man bei eigentlich jeder reputablen Quelle zum Weltgeschehen. Da eröffnen sich zwei Dinge: dass viele Personen sich schwer damit tun, wenn die eigenen Meinungen von Leitmedien mit Verpflichtung zur Faktentreue herausgefordert werden und dass die allgemeine Medienbildung scheinbar nicht auf dem besten Stand ist. Ganz provokant gefragt: Hat die Tagesschau eine politische Neigung? Definitiv. Genauso wie die ZEIT, die Süddeutsche, die FAZ und die TAZ, New York Times und Washington Post. Im Extremfall auch die BILD, aber die BILD zählt nicht, denn die BILD erfüllt keine journalistischen Standards und gilt somit nicht als reputable Quelle zur Meinungsbildung. Die anderen Zeitschriften schon.

Man kann natürlich verstehen, dass das für viele Personen Verwirrung stiftet. Einerseits sind Leitmedien zur Objektivität verpflichtet, zu den harten Fakten – und was sind Fakten, wenn nicht unumstößlich? –, andererseits haben sie eine vage, politische Anlehnung.

Das scheint widersprüchlich, liegt aber in der Natur von Fakten selbst. Sind diese zwar unumstößlich, sind sie auch je nach eingebetteter Umgebung interpretationsfähig – und hieraus eröffnet sich eine engere sowie weitere Definition der Objektivität, wie Journalismusprofessor Klaus Meier erklärt, welche Grundanspruch an den Journalismus ist. Im engeren Sinne ist Objektivität grundlegende Faktentreue und hier sollten alle Leitmedien dieselbe Basis haben und sich über die Fakten einig sein. Die weitere Definition richtet sich jedoch an die Frage der Wichtigkeit, eine Auswahl an Themen und Akteur:innen, in welche die Fakten eingebettet sind – und hier ist nicht immer ein Konsens gegeben. Nehmen wir beispielhaft eine hypothetische Studie zu aktuellen Klimaerkenntnissen – da mag das eine Medium fragen, wie wir das verhindern können, das andere wiederum, wie das zu finanzieren ist. Dieselbe faktische Grundlage, und dennoch gänzlich unterschiedliche Artikel – und das ist auch gut so. Demokratischer Pluralismus, erhöhte Meinungsbildung. Vielfalt im Journalismus ist ein Privileg, keine politische Unterwanderung. Überregionale, singuläre Zeitungen, die allesamt dasselbe schreiben, das wäre Kennzeichen von autoritären bis totalitären Staaten, wie Meier bemerkt.

Abschließend muss man im Umkehrschluss spekulieren, wenn es einen so sehr stört, was das Leitmedium der Wahl schreibt, warum man sich nicht einfach einem anderen widmet. Einem, dass der eigenen Weltanschauung gerecht wird – Auswahl haben wir genug. Ist man nicht gewollt, die eigene Meinung herauszufordern, eine andere Perspektive integer zu betrachten, medienkritisch eigene Ansichten zu reflektieren und einen ehrlichen, intellektuellen Diskurs zu pflegen, empfiehlt es sich das Magazin einfach beiseite zuschmeißen, statt die Finger durch die Kommentarsektion gleiten zu lassen. Und warum haben wir so eine Auswahl in erster Linie, diese journalistische Vielfalt?

Genau.

Faktenbasierte Free Speech. Hier von Zensur reden, ist mehr als nur unstimmig.

Ein Plädoyer für den Faktencheck

Zuletzt sorgte Musk für Schlagzeilen, indem er Wikipedia der linkspolitischen Propaganda bezichtigte. Aussagen aus einem Bauchgefühl heraus, ungeachtet der Tatsache, dass Wikipedia mithilfe zigtausender, freiwilliger Editor:innen, die (insbesondere bei großen Artikeln mit viel Traffic) minuziös gefactchecked werden, dezentralisiert und ohne unternehmenstechnische Agenda gestaltet ist. Der New Yorker bemerkt, dass Wikipedia sich insgesamt überraschend gut darin schlägt, den eigenen Standard eines neutralen Standpunkts einzuhalten und in seinen Prinzipien das beinahe exakte Gegenteil zum Trumpismus statuiert. Nicht zuletzt, da Wikipedia transparent mit deren eigenen Fehlern und Neigungen ist – dafür haben Sie schließlich einen ausformulierten, separaten Eintrag angelegt. Das ist Integrität, die wir brauchen: das Eingeständnis eigener Falschaussagen und das Anrecht der Expert:innen, diese zu korrigieren, bevor größere Schäden verursacht werden. Fact Checking ist somit kein Luxusgut, welches als Sparmaßnahme in die Kiste optionaler Ausgaben verbannt werden kann, sondern insbesondere in unserem digitalen Zeitalter, wo so viel Information online erworben wird, ein demokratischer Grundpfeiler. Vielleicht sind Musk, Zuckerberg, Trump und Co. zu sehr in ihrer eigenen Blase der  subjektiven Meinungsfaktizität gefangen, als dass sie das verstehen können. Viel gruseliger allerdings wäre der Gedanke – und leider ist das ein realistischer –, dass die selbsternannten Advokaten der Meinungsfreiheit sogar bestens verstehen, was hiermit veranlagt wird – und welche Konsequenzen folgen. Implikationen hiervon möchte man sich eigentlich gar nicht ausmalen. Bis dahin empfiehlt es sich: immer kritisch bleiben. Gerne auch bei unseren Beiträgen. 😉

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